{"id":222,"date":"2022-05-23T17:37:45","date_gmt":"2022-05-23T17:37:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kritischer-kalender.de\/?p=222"},"modified":"2022-05-23T17:42:29","modified_gmt":"2022-05-23T17:42:29","slug":"turchen19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kritischer-kalender.de\/en\/kritischer-adventskalender\/turchen19\/","title":{"rendered":"19. Door \u2013 dealing with masculinities"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/pad.riseup.net\/p\/r.da41b76f661a06f0fcaf49cd035cd875\">[English]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Inhaltswarnung: Reproduktion von sexistischen Verhaltensweisen, Homofeindlichkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Beleidigungen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach den sehr theoretischen Texten zum Thema M\u00e4nnlichkeitsanforderungen und dem Wunsch, das Thema konkreter zu machen, haben wir uns dazu entschieden, die Erfahrungen eines cis Manns aus der Gruppe zu teilen. Wir wissen, dass es wie ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr FLINTA* sein kann, wenn hier ein cis Mann \u00fcber seine Betroffenheit im Patriarchat schreibt. Gerade weil FLINTA* in diesem System &#8211; wie in vorherigen T\u00fcrchen beschrieben &#8211; strukturell unterdr\u00fcckt und sexualisierter Gewalt ausgesetzt werden. Wir halten es dennoch f\u00fcr wichtig hier so konkret auf Erfahrungen einzugehen, um cis m\u00e4nnlichen Personen in diesem Channel Ankn\u00fcpfungspunkte zu bieten, um ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war schon immer eine Memme. Das wurde schon im fr\u00fchesten Kindesalter in den Raufereien mit meinen Br\u00fcdern klar. Ich war meistens der erste, der geweint hat. Ich wollte den Schulranzen mit den Delfinen drauf und nicht den mit den Rennautos. Ich fand Pferde toll und wollte reiten lernen. Auch kuscheln fand ich immer super.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, dass das als Junge \u201cnicht geht\u201d war immer klar. Meine Br\u00fcder haben vorgemacht, was geht und was nicht und sp\u00e4testens im Kindergarten oder der Schule war klar, was man als Junge machen darf und was nicht. Definiert wurde das ganze von M\u00e4nnlichkeitsanforderungen, die nat\u00fcrlich nie explizit ausgesprochen wurden. Jungen, die da nicht reinpassen waren halt Memmen. So wie ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch diese Medaille hat zwei Seiten. Ich habe mich den Anforderungen schnell angepasst und mir Wege gesucht trotzdem ein mehr oder weniger beliebter Junge zu sein. Mir kam zugute, dass ich in anderen Bereichen sehr wohl die Anforderungen erf\u00fcllt habe.<br>Mein Mittel war und ist daf\u00fcr h\u00e4ufig Intellekt. Wer mich \u00e4rgern wollte, den habe ich gerne mal vor der ganzen Klasse blo\u00dfgestellt. Damit habe ich mich h\u00e4ufig \u00fcber andere gestellt und war schnell wieder in einer dominanten Position. Mir half nat\u00fcrlich auch, dass ich immer gut in Sport war. Im Zweifel haben die Jungs aus dem Fu\u00dfballverein zu mir gehalten, auch wenn wir vielleicht nicht die besten Freunde waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war vor allem im jugendlichen Alter wichtig. Zum einen wegen des eben erw\u00e4hnten R\u00fcckhalts, zum anderen als Raum, um sich gegenseitig zu pushen. Egal ob Alkoholkonsum oder Sexismus. Bei allem wurde noch einer drauf gesetzt. So war das aber nicht nur im Fu\u00dfballverein, sondern auch in anderen Freundeskreisen. Irgendwann war uns egal, ob wir Menschen mit unseren Aussagen verletzen oder nicht. Ich kann mich an eine Busfahrt erinnern, in der wir Frauen aufs heftigste objektifiziert und entmenschlicht haben und dann zu den anwesenden Klassenkameradinnen sagten, dass das alles ja nicht so gemeint gewesen w\u00e4re. In unserem Wettbewerb um die heftigste Aussage, spielte die psychische Gewalt, die wir den Anwesenden dabei antaten keine Rolle. Nat\u00fcrlich genauso wenig, dass wir evtl. Traumata hervorholen oder sie schlicht in eine super unangenehme Situation brachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberbietungswettbewerbe gab es quasi die ganze Zeit. Egal, ob bei Alkohol, Graskonsum, Videospielen oder Gespr\u00e4chen \u00fcber Politik. Auch die Folgen davon wurden immer krasser. Beginnend mit Abst\u00fcrzen aufgrund von zu viel Alkohol \u00fcber abgebrochene Ausbildungen bis hin zu meinem ehemaligen besten Freund in der Drogenklinik. Wir haben nat\u00fcrlich nie wirklich dar\u00fcber geredet, wie es uns damit geht und dass wir evtl. Hilfe brauchen. Und das scheint nicht nur bei uns gewesen zu sein. <a href=\"#1\">Einige Statistiken\u00b9<\/a> legen \u00e4hnliches nahe:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Im letzten Jahrhundert war die Lebenserwartung von M\u00e4nnern durchweg niedriger als die von Frauen.<a href=\"#2\">\u00b2<\/a><\/li><li>Die h\u00e4ufigste Todesursache von M\u00e4nnern unter 45 ist Suizid.<a href=\"#2\">\u00b2<\/a><\/li><li>95% der Gef\u00e4ngnisinsass*innen sind M\u00e4nner.<a href=\"#2\">\u00b2<\/a><\/li><li>73% der vermissten Erwachsenen sind M\u00e4nner.<a href=\"#2\">\u00b2<\/a><\/li><li>73% der wohnungslosen Menschen sind M\u00e4nner.<a href=\"#3\">\u00b3<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Dass da etwas nicht richtig l\u00e4uft, war mir irgendwie klar. Benennen konnte ich es aber nie. So habe ich mich aus Wettbewerbssituation, in denen ich keine dominante Position einnehmen konnte und die mir und anderen k\u00f6rperlich schaden (Alkohol, Drogen, \u2026) zur\u00fcckgezogen. Stattdessen habe ich mich in intellektuelle Wettbewerbssituationen wie z.B. in der Schule begeben, in denen ich mich wohler gef\u00fchlt habe und die mir gesellschaftlich auch mehr Vorteile gebracht haben. Am Ende lief es trotz der Tatsache, dass ich z.B. der Anforderungen Alkohol zu trinken nicht mehr entsprochen habe darauf hinaus, dass ich meine Dominanzposition gest\u00e4rkt habe.<br>Ein guter Abischnitt und Auszeichnungen bringen einen gesellschaftlich in eine dominantere Position als auf der Kirmes am meisten trinken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich mich dazu entscheiden konnte, diese Wettbewerbskontexte zu \u00e4ndern, liegt wahrscheinlich auch vor allem daran, dass ich als wei\u00dfer, cis Mann aus der Mittelschicht auch nie von struktureller Diskriminierung betroffen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe erst ziemlich sp\u00e4t angefangen meine Privilegien zu hinterfragen und bei sexistischen Ereignissen aktiv zu werden, z.B. Kollegen von mir nicht zu unterst\u00fctzen, wenn sie einen sexistischen Kommentar machen und damit ihre Erwartung nicht zu erf\u00fcllen. Die Strategien, um Machtverh\u00e4ltnisse und Anforderungen abzubauen stammen aus Texten, Workshops, Podcasts etc., von denen der \u00fcberwiegende Teil von FLINTA* erarbeitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Strategien ist es, die Anforderungen bewusst nicht zu erf\u00fcllen oder an ihnen zu scheitern. Zentral dabei ist es Betroffenen zuzuh\u00f6ren, ihre Widerfahrnisse ernst zu nehmen und darauf einzugehen, was sie sich w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele k\u00f6nnen kleine \u201cunm\u00e4nnliche\u201d Dinge sein, wie die Beine in der Bahn eng zusammen zu haben, um m\u00f6glichst wenig Raum einzunehmen oder nach dem \u201cVorwurf\u201d, schwul oder asexuell zu sein, zu fragen, was daran denn so schlimm w\u00e4re, statt beleidigt zu kontern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnen aber auch andere Dinge sein, wie z.B. wichtige, sichtbare Aufgaben an der Arbeit abzugeben, weil andere sie besser k\u00f6nnen oder ich mir eingestehe, dass ich sie nicht schaffe. Es geh\u00f6rt aber auch dazu, weniger anerkannte Aufgaben wahrzunehmen, wie z.B. Ansprechpartner sein, wenn es Personen in der Gruppe nicht gut geht, oder daf\u00fcr zu sorgen, dass die Technik funktioniert und es gen\u00fcgend Pausen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich hei\u00dft das aber auch, dass ich Beziehungsarbeit \u00fcbernehme und Freund*innen aktiv auf Probleme usw. ansprechen, anstatt auf \u201ccool\u201d zu tun. Es hei\u00dft f\u00fcr mich auch, mir f\u00fcr viele Dinge das Einverst\u00e4ndnis einzuholen und Dinge nur zu tun, wenn die andere Person konkret ja sagt. Auch wenn ich mir dabei manchmal komisch vorkomme oder Unverst\u00e4ndnis entgegengebracht bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ganz wichtig: Ich versuche, Wettbewerbe gar nicht erst zu starten oder aktiv aufzul\u00f6sen. Manchmal reicht dazu ein einfacher Kommentar und manchmal bedarf es auch etwas mehr kommunikativer Arbeit und Erkl\u00e4rung. Am Ende lohnt es sich aber meistens, weil es oftmals eine Kaskade, wie oben beschrieben, verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Anmerkungen zum Schluss:<br>Es muss klar sein, dass es so etwas wie \u201cdie kritische M\u00e4nnlichkeit\u201d oder \u201cden guten Umgang\u201d mit seinen Privilegien &#8211; gerade als cis Mann &#8211; nicht gibt. Die beschriebenen Ans\u00e4tze und Ideen, im Alltag auf diese Dinge einzugehen, sind keinesfalls vollst\u00e4ndig oder auf alle \u00fcbertragbar. Es gibt keine Checkliste, die abgehakt werden kann. Zudem ist das auch nur die Spitze des Eisbergs, denn wie wir in vielen T\u00fcrchen vorher gesehen haben, sollten die Lebensbedingungen der FLINTA* bei solch einer Auseinandersetzung eine zentrale Rolle spielen.<br>So bekomme ich auch h\u00e4ufig Anerkennung und positives Feedback f\u00fcr diese Auseinandersetzung. Allerdings ist es erstens das Mindeste, als privilegierte Person &#8211; hier als cis Mann &#8211; Privilegien zu nutzen, um patriarchale Strukturen abzubauen.<br>Und zweitens kam die Initiative nicht von mir. Neben hunderten Jahren an Theorien, Organisierung und K\u00e4mpfen von Feminist:innen, die diese ganze Vorarbeit \u00fcberhaupt geleistet haben, waren es auch in meinem Umfeld vor allem FLINTA*, ohne deren Anst\u00f6\u00dfe ich niemals auf solche Gedanken gekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2014\u2014\u2014<\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\">\u00b9 In der Statistik werden nur M\u00e4nner und Frauen als Geschlechtsidentit\u00e4ten betrachtet und die Existenz anderer Geschlechtsidentit\u00e4ten wird nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2753Reflexionsfragen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Fallen dir \u00e4hnliche Anforderungen in deinem Leben ein? Wie gehst du damit um? Wie w\u00fcrdest du gerne damit umgehen?<\/li><li>Hast du an irgendeiner Stelle innerlich abgeblockt oder dir gedacht, dass du sowas nie machen w\u00fcrdest? Wenn ja, warum?<\/li><li>Hast du dich in einigen Situationen selbst wiedergefunden? Wie bist du damit umgegangen?<\/li><li>Denkst du in deinem Alltag oft dar\u00fcber nach, welche Anforderungen an dich gestellt werden, welche Anforderungen du an andere stellst und wie sich diese auf dein Handeln auswirken?<\/li><li>Wurdest du schonmal gemobbt, weil du M\u00e4nnlichkeitsanforderungen nicht gen\u00fcgen konntest?<\/li><li>Hast du schonmal andere Menschen gemobbt, weil sie M\u00e4nnlichkeitsanforderungen nicht gen\u00fcgen konnten?<\/li><li>Hast du \u201cfreund:innenschaftlichen\u201d k\u00f6rperlichen Kontakt (kuscheln, umarmen) mit M\u00e4nnern genauso gerne und oft wie mit FLINTA*?<\/li><li>Hattest du als Kind\/Jugendlicher Druck von Erwachsenen (Lehrer:nnen, Erzieher:innen, Trainer*innen etc.) bestimmten M\u00e4nnlichkeitsanforderungen zu gen\u00fcgen?<\/li><li>Wurdest du schon mal von M\u00e4nnern darauf hingewiesen, dass dein eigenes Verhalten \u00fcbergriffig war?<\/li><li>Hast du schon M\u00e4nner gesagt, dass sie sich \u00fcbergriffig verhalten haben?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>\u2139\ufe0fQuellen und Links zur Vertiefung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\" id=\"2\"><li><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CQJW3n5MXYr\/?utm_medium=copy_link\">\u00b2 Instagram Account tnncharity<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\" id=\"3\"><li><a href=\"https:\/\/feministinprogress.de\/toxische-maennlichkeit-warum-vor-allem-maenner-wohnungslos-werden\/\">\u00b3 feministinprogress<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[English] Inhaltswarnung: Reproduktion von sexistischen Verhaltensweisen, Homofeindlichkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Beleidigungen Nach den sehr theoretischen Texten zum Thema M\u00e4nnlichkeitsanforderungen und dem Wunsch, das Thema konkreter zu machen, haben wir uns dazu entschieden, die Erfahrungen eines cis Manns aus der Gruppe zu teilen. 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