{"id":224,"date":"2022-05-23T17:38:34","date_gmt":"2022-05-23T17:38:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kritischer-kalender.de\/?p=224"},"modified":"2022-05-23T17:42:57","modified_gmt":"2022-05-23T17:42:57","slug":"turchen20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kritischer-kalender.de\/en\/kritischer-adventskalender\/turchen20\/","title":{"rendered":"\"You're different from other women\""},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/pad.riseup.net\/p\/r.fc24b74bef85e81911f9379fa508aeab\" class=\"ek-link\">[English version]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem T\u00fcrchen geht es um &#8220;Misogynie&#8221;. Darunter versteht man die strukturelle und individuelle Abwertung von Frauen, die in unterschiedlicher Intensit\u00e4t auftreten kann. Von \u201eFrauen sind zu sensibel\u201c bis zu Femiziden ist Misogynie durch eine Abwertung des \u201eWeiblichen\u201c gegen\u00fcber dem \u201eM\u00e4nnlichen\u201c gekennzeichnet.<br>Kate Manne, eine Sozialphilosophin, beschreibt sie als \u201eExekutive des Patriarchats\u201c (siehe weiterf\u00fchrende Materialien). Misogynie ist also die Gesamtheit aller Verhaltensweisen und Aussagen, die unseren internalisierten Sexismus nach au\u00dfen tr\u00e4gt.<br>Da dieser Begriff sehr vielschichtig ist, befassen wir uns heute damit, welche Menschen Misogynie (re-)produzieren und legen dabei einen besonderen Fokus auf das Dating.<br>Lasst mich eines vorweg nehmen: Dieses Thema betrifft uns alle. Wir alle, ob cis oder trans, ob queer, schwul oder hetero, ob Frau oder Mann, verhalten uns sexistisch. Der Grund daf\u00fcr ist, dass wir den in der Gesellschaft tief verwurzelten Frauenhass verinnerlicht haben &#8211; man spricht auch von \u201einternalisierter Misogynie\u201c.<br>Aber was hei\u00dft das konkret und wie sieht das aus?<br>Ein Beispiel daf\u00fcr, wo man mit Misogynie in Kontakt kommt, sind Medien aller Art. Bei mir war es wohl die \u201eBravo&#8221; und andere \u201eM\u00e4dchenzeitschriften\u201c. Diese ver\u00f6ffentlichten nicht nur zahllose Artikel dar\u00fcber, wie man den cis Mann des eigenen Begehrens sexuell befriedigt, sondern auch einige Artikel rund ums Thema \u201eAbnehmen\u201c. Sie hatten Titel wie \u201eSo bekommst du noch rechtzeitig deine Bikinifigur\u201c oder \u201eDas musst du ein mal am Tag machen, um einen flachen Bauch zu bekommen!\u201c. Im Einklang mit diesen Botschaften, gab es auch noch Beitr\u00e4ge zu Menschen, die regelrecht daf\u00fcr fertig gemacht wurden, nicht dem Ideal einer sehr schlanken, aber doch kurvenreichen, makellosen Frau zu entsprechen. Es waren auch \u00dcberschriften wie \u201e[Name irgendeiner weiblich gelesenen Schauspielerin] und der Strand Fauxpas: sie hat ordentlich zugenommen\u201c, die mich jahrelang meinen K\u00f6rper haben hassen lassen.<br>Befeuert wurde dieser Selbsthass aber auch vor allem durch die internalisierte Misogynie unter mir und meinen Mitsch\u00fclerinnen. Wir waren es selbst, die uns gegenseitig aufs kleinste Detail pr\u00fcften und uns gnadenlos sagten, was an unseren K\u00f6rpern nicht dem Ideal entsprach. Wir haben Dinge gesagt wie \u201eLena hat sich aber nicht die Beine rasiert, wie eklig ist das denn?\u201c und Rankings erstellt, wer den vermeintlich \u201esch\u00f6nsten\u201c K\u00f6rper hat. Meine Oma sagte mal zu mir, da war ich etwa zw\u00f6lf, dass ich ja mal etwas abnehmen m\u00fcsse, ich h\u00e4tte einen Rettungsring. Die Mutter meiner besten Freundin lobte mich bis in den Himmel, als ich in der Zeit danach auf S\u00fc\u00dfigkeiten verzichtete, um mich \u201eges\u00fcnder zu ern\u00e4hren\u201c.<br>Ich habe also viele Jahre lang sehr viel Energie aufgewendet, meinen K\u00f6rper \u00e4ndern zu wollen. Aber es war nicht nur der K\u00f6rper. Auch meine Interessen und Gef\u00fchle wurden kommentiert, abgewertet und bel\u00e4chelt. Ich habe viele Jahre lang Ballett getanzt und einer der Gr\u00fcnde, warum ich damit aufgeh\u00f6rt habe, waren auch die stichelndem Bemerkungen meiner Schwestern, das sei zu \u201em\u00e4dchenhaft\u201c.<br>Wann immer ich sagte, dass mich etwas verletzte, so auch die Kommentare zu meinen Interessen, wurde mir gesagt, ich sei \u201ezu sensibel\u201c. Ja, ich war ein sehr sensibles Kind. Ich habe oft geweint und mir vieles zu Herzen genommen. Und irgendwann habe ich tats\u00e4chlich geglaubt, Sensibilit\u00e4t und Empathie seien schlechte und schwache Eigenschaften.<br>Aus Rebellion, so dachte ich, habe ich mich von dem, was an mir \u201ezu m\u00e4dchenhaft\u201c war, abgewendet. Ich habe aufgeh\u00f6rt Ballett zu tanzen und angefangen, Schlagzeug zu spielen. Und weil ich nicht immer als \u201eSensibelchen\u201c aufgezogen werden wollte, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Rekorde im \u201ef\u00fcr eine lange Zeit nicht weinen\u201c immer wieder zu \u00fcberbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile versuche ich mich selbst zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und der Rebellion gegen \u201eWeiblichkeit\u201c wieder zu finden. Das ist ziemlich schwierig, denn alles, was als weiblich konnotiert ist, wird grunds\u00e4tzlich weniger Wert zugesprochen, als dem, was als m\u00e4nnlich erachtet wird. Das bezieht sich auf Eigenschaften, wie Sensibilit\u00e4t, Aktivit\u00e4ten, wie Ballett tanzen oder Reiten, und gegenst\u00e4ndliches, wie die Farbe Rosa oder bestimmte Kleidungsst\u00fccke.<br>In Filmen werden Personen, die viele vermeintlich \u201eweibliche\u201c Eigenschaften besitzen, oft zu Gegenspielerinnen der Protagonistin gemacht. Die \u201eTussi\u201c mag nicht nur gerne Makeup und rosa Kleidung, sondern sie ist auch zickig, oberfl\u00e4chlich und abgesehen davon charakterlos. Die Protagonistin hingegen ist anders. Sie liest B\u00fccher, tr\u00e4gt schlichtere Klamotten und \u00fcberzeugt mit ihren F\u00e4higkeiten.<br>Und zwischen diesen zwei Polen \u2013 dem (abgewertetem) weiblichen und dem \u201eanders als die anderen M\u00e4dchen sein\u201c \u2013 m\u00fcssen wir Frauen uns finden. Uns wird beigebracht, dass wir weiblich sein m\u00fcssen, aber blo\u00df nicht zu weiblich. Wir sollen uns sch\u00f6n machen, uns schminken, aber auch unbedingt nat\u00fcrlich aussehen. Wir sollen d\u00fcnn sein, aber bitte auch Kurven haben. Wir sollen uns um andere k\u00fcmmern, aber nicht zu sehr, denn dann klammern wir und sind zu sensibel.<br>Wir sollen alles gleichzeitig sein und sind immer zu viel von irgendwas. Und sich zwischen all dem selbst zu finden, das ist verdammt schwer. Ich frage mich beim Schlagzeugspielen, ob ich das nur mache, weil es nicht \u201eweiblich\u201c ist, weil es mich \u201eanders als die anderen\u201c macht. Und ich frage mich beim N\u00e4hen, ob ich das nur mache, um gegen die internalisierte Misogynie zu k\u00e4mpfen, die mich Schlagzeug spielen l\u00e4sst. Es ist ein Teufelskreis und ich kann es nicht richtig machen.<br>Und als w\u00e4re all das nicht genug, als w\u00fcrden wir Frauen uns nicht genug selbst und gegenseitig verurteilen, kommst dann auch noch du.<br>Du, der mir sagt, ich sei anders als die anderen Frauen. Vielleicht sagst du es mir genau so, vielleicht swipe ich aber auch nichtsahnend durch Tinder und lese es in irgendeiner Form.<br>\u201eFrauen die keinen nackten Oberk\u00f6rper in Tinder sehen k\u00f6nnen, sind warscheinlich die Art an Frauen die in Tinder ihre Liebe des Lebens suchen, aber hot pants tragen weil sie sie s\u00fc\u00df finden.\u201c<br>\u201eIch habe kein Interesse an Verklemmten Frauen, die nicht wissen, was sie wollen.\u201c<br>\u201eNO-GO!: Raucherinnen o.\u00e4. (ja, dazu geh\u00f6rt auch Shisha), Piercings jeglicher Art, (\u2026) Make-up wie ein Clown, Fingern\u00e4gel so lang wie die Deutsche Bahn Versp\u00e4tung hat. (\u2026) Damit w\u00e4ren dann ca. 99,999% der Frauen hier raus aus der Miss-Wahl. Wenn DU zu den 0,001% geh\u00f6rst melde dich.\u201c<br>Was hinter dieser Aussage steckt, ist zum einen, dass du als Mann einer Frau sagst, wie du sie gerne h\u00e4ttest. Es mag auf den ersten Blick wie ein Kompliment wirken, aber eigentlich schreiben M\u00e4nner Frauen so auf eine subtile Art vor, wie sie f\u00fcr ihn zu sein haben. Auch in anderen Komplimenten legen sich diese Anforderungen nieder. Wenn du mir sagst, dass dir meine Haare, als sie noch lang waren, besser gefallen haben, dann sagst du damit indirekt, dass ich sie f\u00fcr deine visuelle Befriedigung lieber wieder l\u00e4nger tragen sollte.<br>Deshalb sag deine Meinung nicht ungefragt und hinterfrage, warum du ein Kompliment gibst und ob dein Gegen\u00fcber es auch so positiv aufnehmen wird, wie es gemeint ist.<br>Zum anderen wertest du mit dieser Aussage alle anderen Frauen aufgrund von dem, wie sie sind und wie sie sozialisiert wurden, nicht gefallen. Damit wertest du alle Frauen ab und steckst sie zudem in einen Topf. Denn es gibt sie nicht , \u201eall die anderen Frauen\u201c. Wir sind laut und leise, gro\u00df und klein, dick und d\u00fcnn, schwach und stark. Alles davon sollte wertfrei sein, denn es gibt nicht \u201edie Weiblichkeit\u201c, sondern lediglich (willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte) gesellschaftliche Weiblichkeitsanforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was du auch mit dieser Aussage f\u00f6rderst, ist die Misogynie unter Frauen. Du bewirkst, dass wir \u201eanders als die anderen Frauen\u201c sein wollen. Und so werten Frauen Frauen ab und reden sich ein, sie w\u00fcrden sich einfach nicht mit anderen Frauen verstehen.<br>Und da schlie\u00dft sich der Kreis der Misogynie. Wir alle reproduzieren sie, in dem was wir tun und in dem, was wir sagen. Wir alle halten das Patriarchat aufrecht, indem wir 50% der Weltbev\u00f6lkerung abwerten, weil wir so sehr internalisiert haben, dass alles \u201eweibliche\u201c schlechter ist, als der \u201em\u00e4nnliche Gegensatz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zitierten Tinderbios stammen aus eigener Recherche oder wurden gefunden bei @misogynistsoftinder auf Instagram.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Wenn in diesem Text von Frauen und M\u00e4nnern geredet wird, meinen wir die stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich bzw. m\u00e4nnlich gelesenen Personen betreffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2753 Reflexionsfragen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Welche S\u00e4tze, Komplimente oder Fragen fallen dir ein, die unterschwellig misogyn sind?<\/li><li>Welche hast du selbst mal gesagt?<\/li><li>Welche misogynen Anforderungen stellst du beim Daten an weiblich gelesene Menschen (oder auch dich selbst)?<\/li><li>Wo begegnen dir in deinem Alltag misogyne Botschaften?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>\u2139\ufe0f Weiterf\u00fchrendes Material:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/incel-community-wie-weit-der-hass-gegen-frauen-geht-100.html\">&#8220;Incels&#8221;: extreme Misogynie (TW) als Internetph\u00e4nomen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/pinkstinks.de\/fresse-joop\/\">Misogynie speziell unter schwulen M\u00e4nnern<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/taz.de\/Sozialphilosophin-ueber-Frauenhass\/!5575598\/\">Interview mit der Sozialphilosophin Kate Manne \u00fcber Misogynie<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[English version] In diesem T\u00fcrchen geht es um &#8220;Misogynie&#8221;. 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