15. Door Male Fragility

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Das heutige Türchen befasst sich mit dem Konzept der männlichen Zerbrechlichkeit. Dieses Konzept ist noch jung und wird in verschiedenen Quellen sehr verschieden definiert.
Allerdings kann das Konzept der „männlichen Zerbrechlichkeit“ nicht ohne „toxische Männlichkeit“, von der ihr bestimmt schon gehört habt, verstanden werden. Grob zusammengefasst beschreibt die toxische Männlichkeit die gewaltvollen und schädlichen Eigenschaften, die in westlichen Gesellschaften das traditionelle Bild von „dem Mann“ prägen. Wir alle kennen die Stereotype: ein Mann weint nicht, ein Mann ist stark, kalt, unemotional, rational, anderen überlegen. Er ist ein „Alphatier“. Da kein Mensch so eindimensional ist und wir alle – egal welches Geschlecht wir haben –vielfältige und komplexe Wesen sind, ist die Aufrechterhaltung dieses (Selbst-)Bildes viel Arbeit. Hier kommt die männliche Zerbrechlichkeit ins Spiel.

Ähnlich dem Konzept der weißen Zerbrechlichkeit, wie Tupoka Ogette sie in ihrem Buch „Exit Racism“ beschreibt, ist die männliche Zerbrechlichkeit sozusagen der Türsteher der toxischen Männlichkeit. Sie stellt sicher, dass alle Versuche, sich gegen die toxische Männlichkeit zu wehren, erfolglos sein werden. Egal wer ­– ob nicht-binäre Menschen, Frauen oder andere Männer – Kritik an ihr üben will, die fragile Männlichkeit ist stets mit einem ganzen Werkzeugkasten an Ausweichmethoden zur Stelle, um die Kritik abzuwehren. In vielen Fällen passiert das auch mit körperlicher, psychischer oder emotionaler Gewalt (siehe hierzu einige der Erfahrungsberichte aus den früheren Türchen).
Im Folgenden gehen wir auf einige der typischen Abwehrmechanismen der fragilen Männlichkeit ein. Diese Aufzählung ist natürlich nicht vollständig.

  1. Tone Policing oder „die Tonpolizei“: Viele cis Männer (das betrifft nicht nur extrem toxische cis Männer) erwarten alleine wegen ihres “Mannseins” ein bestimmtes Verhalten ihnen gegenüber. Daher reagieren sie auf Widerstand, Empörung oder Kritik häufig mit Sätzen wie “Ich würde ja mit dir reden, aber nicht wenn du so emotional/wütend bist.” oder “Du hast dich im Ton vergriffen“. Dadurch wird die berechtigte Empörung von Betroffenen Personen oder Allys1 als Grund angeführt, warum der (cis) Mann sein Verhalten nicht ändern oder hinterfragen muss. Dies geschieht übrigens nicht nur in der direkten Konfrontation mit Betroffenen, sondern auch oft in Gesprächen mit unbeteiligten Menschen. Bsp.: „Hast du gehört wie sie/they sich schon wieder aufgeregt hat?“
    Hier wäre es besser zu hinterfragen, welche Situation oder welches Verhalten die betroffene Person wütend gemacht hat und zu überlegen, wie du sie vielleicht unterstützen könntest.
  2. Täter-Opfer-Umkehr: Auch sie ist ein sehr beliebtes Mittel der fragilen Männlichkeit. Weil männlich sozialisierte Menschen von klein auf gelernt haben „sich selbst der Nächste zu sein“, versuchen sie oft, sich selbst als das wahre Opfer darzustellen. Die Betroffenen stellen sie hingegen als Aggressor*innen dar, die mit ihren bösen Anschuldigungen den Ruf des (cis) Mannes angreifen. Dies ist besonders gemein, weil die Betroffenen nun nicht nur mit der Verletzung, die sie eben durch den (cis) Mann erfahren haben, umgehen müssen, sondern sich auch noch in diesem aufgewühlten Zustand gegen den (cis) Mann verteidigen müssen. Bsp.: „Jetzt stehe ich als das Arschloch da” oder etwas subtiler “Jetzt darf ich ja gar nichts mehr sagen/machen“.
    Hier tut der Täter so, als würde die Verletzung des „Opfers“ ihn in seiner Freiheit und Selbstbestimmtheit einschränken.
  3. Derailing oder „Entgleisen“ beschreibt eine Methode in der ein völlig überzogenes „Gegenargument“ vorgebracht wird, um dadurch das Gespräch vom eigentlichen Thema – der Kritik an der toxischen Männlichkeit – abzulenken. “Aber diese Feministinnen, die alle Männer hassen, findest du doch auch nicht gut, oder?”
  4. Whataboutism oder „Ja, aber…“ ist dem Derailing sehr ähnlich. Auch hier wird versucht vom Thema abzulenken. Allerdings werden hier beliebig andere Probleme, die nichts mit dem ursprünglichen Gesprächsthema zu tun haben, als Grund zum Themenwechsel angeführt. Für diese Probleme sollte es auch einen Ort und eine Zeit geben, um sie zu besprechen und zu versuchen, Lösungen zu finden. Wenn das Problem aber nur angesprochen wird, um die Kritik an der toxischen Männlichkeit zu verhindern und/oder Männer wieder in den Mittelpunkt zu rücken (s. 2.), dann ist das eben Whataboutism. Bsp.: “Aber es gibt auch Männer, die es sehr schwer haben.”, “Werden nicht auch Männer diskriminiert?” – ja, aber darum geht es gerade nicht!
  5. Gaslighting oder „Realitätsentzug“ wird von manchen Expert*innen2 als eine Form von psychischer Gewalt und extremer Manipulation bezeichnet, weil sie zum Ziel hat, dass die betroffene Person anfängt, an ihrer eigenen Realität und Wahrnehmung zu zweifeln. Hierbei behauptet der Täter einfach, dass Dinge nicht so sind, wie sie sind. Bsp.: “Das hab ich so nicht gesagt, das hast du jetzt so interpretiert.”, “Du übertreibst.”, “Du bist so empfindlich.”, “Du siehst das Patriarchat auch überall.”

Die Grausamkeit besteht hierbei darin, dass die Aussagen oder Handlungen nie aufhören zu verletzen, aber die betroffene Person irgendwann (vor allem wenn dies systematisch über lange Zeit geschieht) wirklich denkt, dass sie „einfach zu empfindlich“ ist. Oder schlimmer noch, dass sie es verdient, so verletzend behandelt zu werden.

In vielen Situationen, in denen typische Abwehrmechanismen auftreten, wird die betroffene Person in Debatten mit ihrem Gegenüber verstrickt, in denen sie sich rechtfertigen und erklären muss. Diese Debatten können viel Kraft kosten. Oft müssen dann andere FLINTA* emotionale Unterstützung leisten und werden damit auch in die Situation hineingezogen. Auch das kostet Kraft. Viele FLINTA* wenden sich in solchen Situationen nicht an (cis) männliche Freunde und Bekannte, um im Nachhinein Unterstützung zu bekommen. Das kann einerseits daran liegen, dass diese ihre Erfahrung nicht teilen und FLINTA* sich deshalb nicht verstanden fühlen. Es kann aber auch daran liegen, dass auch (cis) Männer aus dem eigenen Umfeld Abwehrmechanismen von männlicher Zerbrechlichkeit zeigen, zum Beispiel indem sie die Reaktion der betroffenen Person hinterfragen oder den Täter in Schutz nehmen. Überlegungen dazu “beide Seiten verstehen” zu wollen, zeigen dass das Machtgefälle der Situation und die Diskriminierungserfahrung der betroffenen Person nicht ernst genommen werden und verstärken ihre Verletzung.

Natürlich ist uns bewusst, dass nicht alle (cis) Männer „extrem toxisch“ oder „stereotype Alphatiere“ sind. Trotzdem sind sie – und wir alle mit ihnen – in einer Welt sozialisiert worden, die kleinen Jungen noch immer diese toxischen Verhaltensweisen beibringt. Noch immer werden als cis und heterosexuell wahrgenommene Männer als kompetenter, vertrauenswürdiger und ernstzunehmender angesehen als alle anderen Menschen. Darum macht nicht den Fehler, euch in „Sicherheit“ zu wiegen, wenn ihr keine Alphatiere seid. Denkt euch nicht „aber ich bin ja nicht so ein Typ“. Denn wir haben alle (!) diese Verhaltensmuster erlernt und müssen nun daran arbeiten, sie aktiv wieder zu verlernen.

An alle FLINTA* hier: Seid ihr cis, weiß, hetero und/oder nicht-behindert? Habt auch ihr diese oder ähnliche Abwehrstrategien zum Erhalt euer Privilegien erlernt und setzt sie gegen Betroffene ein? Dann gilt alles was hier beschrieben wurde, in den Bereichen, in denen ihr privilegiert seid, also nicht von dieser bestimmten Diskriminierung betroffen, auch für euch!

An alle, die gleichzeitig von vielen verschiedenen Diskriminierung betroffen sind: Fühlt euch gesehen, fühlt euch umarmt (falls ihr das möchtet), fühlt euch validiert und fühlt euch bestärkt. Wir wissen, dass es so schwer ist, einen Ort/Raum zu finden in dem ihr nicht immer vor Diskriminierung und Mikroaggressionen auf der Hut sein müsst. In dem ihr einfach Mensch sein dürft. Es ist unglaublich schmerzhaft und kräftezehrend, wenn ihr in den vielen Kämpfen, die ihr führt, so oft nicht mitgedacht oder ignoriert werdet.
Cis Frauen vergessen nicht-binäre, intersex- und trans Menschen. Weiße Menschen vergessen BIPoCs. BIPoC Männer vergessen die BIPoC Menschen, die keine Männer sind. Menschen ohne Behinderung vergessen die mit oder noch schlimmer: behaupten sie hätten gar keine Behinderung, weil sie sie „nicht sehen“ können. Hetero-monogame Menschen vergessen die lesbischen, schwulen, bi-, pan- und asexuellen Menschen.
Deshalb an alle hier: Arbeitet darauf hin, ein Mensch zu sein, bei dem eine Schwarze, lesbische, trans Person mit Behinderung, die arm ist und keine Chance auf höhere Bildung hatte, sich in eurer Anwesenheit sicher fühlen kann.

❓ Reflexionsfragen:

  • Erkennst du dich wieder in den genannten Abwehrmechanismen? Welche dieser Abwehrmechanismen hast du selbst schon angewendet?
  • Denke an eine Situation, in der du selbst mit Zerbrechlichkeit auf Kritik reagiert hast. Was hat dich daran gehindert, die Kritik der Person anzunehmen? Warum hattest du das Gefühl, dich verteidigen zu müssen?
  • Kannst du dir vorstellen, jetzt zu einer Person zu gehen, die schonmal unter deiner (männlichen) Zerbrechlichkeit leiden musste, und dich dafür zu entschuldigen?

ℹ️ Explanation of terms:

  • (1) Ally: Der Begriff Ally kommt aus dem Englischen und bedeutet direkt übersetzt so viel wie „Verbündete*r“. Damit sind Menschen gemeint, die ihre Privilegien nutzen, um Minderheiten zu unterstützen. Sie verbünden sich also mit einer diskriminierten Gruppe, obwohl sie selbst kein Teil davon sind. Bekannt ist der Begriff vor allem in der LGBTQA+ Szene und durch die #blacklivesmatter-Bewegung. Ein Ally der LGBTQA+-Community nutzt zum Beispiel seine vorteilhaftere Position als hetero- und cisnormatives Individuum, um anderen Geschlechtsidentitäten zu helfen, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Quelle: https://www.zeitjung.de/was-ist-ein-ally-gesellschaft-allyship-engagement-definitionen/